Dienstag, 23. Oktober 2018

Von Angers nach Los Angeles… oder: Reisen ist nicht Urlaub

So, liebe Leute ! Heute mal ein bisschen Text!
Vielen Dank, liebe Ankie (allein verantwortlich!) für die tollen Bilder! Sagen mehr als 1000 Worte! Und auszerdem sind sie so schön, dass sie selbst mir dabei helfen, eine schönere Reise zu erleben. Oder zumindest in Erinnerung zu behalten ;-)
Ich will das schöne Bild, das sich jeder so ausgemalt hat auch nicht verwischen. Nur bereichern (um 1260 Worte). Und für die, die es vielleicht interessiert, auch erzählen, was dahinter steckt. Einfach ist es nämlich nicht immer, auch wenn wir auf den Fotos meistens lachen.
Gerade sind wir also in L.A. angekommen, 3.00 Uhr nachts, Ortszeit. Fahrt von Big Sur bis Hazienda Heights, Ankie ist die 1. Hälfte der Strecke gefahren. In 12h ist hier ein high school football game, was wir uns mal anschauen wollen. Ankie und die Kids schlafen hinten im Auto. Hab hier auf ‘nem Recyclinghof ein verstecktes kleines Plätzchen gefunden – weit weg von "komischen Neighborhoods", sichtgeschützt und nicht von Straszenlaternen beleuchtet. So kann ich mit Charlie ruhig auf dem Dach schlafen. (Er ist heute dran, die Kinder streiten sich darum, wer mit mir oben schlafen darf.) Für fünf ist der Chevy Tahoe nämlich doch ein bisschen zu eng. Haben wir probiert, in den Rockies, wo es kalt war. Zu viert geht. Mit Ankie vorn auf dem Fahrersitz haben wir auch probiert, in San Francisco. Geht auch mal, aber keine langfristige Lösung…
Warum eigentlich dieses Auto? Und kein Wohnmobil, wie geplant?
Eigentlich wollten wir uns ja bis zum 25. Dezember Zeit nehmen, von Osten nach Westen zu roadtrippen… Aber es ist so einiges anders gekommen, wie das immer mal passiert, beim Reisen dann aber gröszere Konsequenzen zur Folge hat…
Was ging alles "schief": 1) Unser Laptop wurde noch in Angers aus der Gästewohnung unserer Wohngemeinschaft gestohlen! Die Kinder schliefen direkt daneben, Ankie war 10m dahinter auf der Terasse und die Diebe kamen durch die (nicht abgeschlossene) Wohnungstür einfach rein und sind mit dem Ding wieder raus. Gescannte Papiere, Familienfotos der letzten 4 Jahre und meine gesamten Unterrichtsmaterialien drin (ohne Sicherheitskopie irgendwo natürlich). Scheisze! Aber was machen? Weiter geht’s! Die Tickets waren gebucht.
Am Flughafen, beim Einchecken (natürlich im letzten Moment), sagen uns die netten Leute von der Airline, das Trump die ESTA-Regeln kürzlich geändert hat : Wir wussten, dass wir, um in die USA einreisen zu dürfen, Ausreisetickets vorweisen müssen, innerhalb von 90 Tagen nach der Einreise. War alles klar, Ankie hatte am Vortag von L.A. nach Cancun, Mexico gebucht. Nun sagten uns die Leute aber, dass Mexico (und auch Canada) nicht als Ausreiseland reicht, da es zu nah dran an den USA ist (und wir ja einfach wieder zurück einreisen könnten…) Brasilien wäre o.k., und da dass unsere nächste geplante Etappe war, haben wir versucht, per Telefon (Danke Michel und Colette!), Tickets von Mexico nach Sao Paolo zu buchen. Hat auch irgendwie geklappt, hat eben nur mal 3000€ insgesamt gekostet, was so nicht in unserem Budget eingeplant war. Aber so hatten wir zumindest eine Flugnummer, die wir angeben konnten, um in die Boardingzone (und dann in den Flieger) zu kommen (letzte Sekunde!)
Und jetzt auch mal was Positives : 1) Unser Konto (bzw. auch das von Colette und Michel) war nicht gedeckt, wodurch wir die teuren Tickets nach Brasilien doch nicht erwerben konnten. In den USA waren wir nun aber doch schon drin. :-P
2) Bei irgendeiner Wohnungsdurchsuchung hat die Polizei in Angers unseren Computer wiedergefunden!!! Und dann auch noch Ankies Eltern kontaktiert (obwohl ich nicht mal eine Anzeige erstattet hatte (aufgrund fehlender Rechnung nicht möglich gewesen)). Wir haben also alles wieder, auch meine 2 Jahre Unterrichtsarbeit, was mir hoffentlich während der Reise noch so ein paar mal dienlich sein sollte.
3) Die Woche bei den Karis war sehr geil und ein schöner Übergang vom sesshaften zum Wander-leben. Sie konnten uns z.B. behilflich dabei sein, mein Portemonnaie am Flughafen wiederzubekommen, welches ich im Flugzeug liegen gelassen hatte. ;-) Und auch dabei, unser schönes Mietauto im Sonderangebot zu bekommen, denn der Kauf eines Wohnmobils hätte sich ja für einen Monat nicht mehr so richtig gelohnt. Einen Monat!? Warum, wissen wir auch nicht so genau, aber bei der Buchung hat Ankie irgendwie den Dezember mit dem Oktober verwechselt. (Kurze linguistische Klammer: Der Name dezem-ber (lateinischen Ursprungs) steht eigentlich für den 10. Monat, was man noch bei den romanischen Sprachen nachvollziehen kann, wie z.B. diez auf Spanisch oder dix auf Französisch. (Okto-ber ist demnach eigentlich auch "nur" der 8. Monat.) Anstatt sich darüber zu ärgern, haben wir uns entschieden, die positiven Aspekte davon zu schätzen, z.B., dass wir dadruch eine Menge Geld sparen, wenn wir zwei Monate weniger in den USA verbringen. Nachteil ist allerdings natürlich der gestraffte Zeitplan, was ich persönlich schon körperlich aber vor allem auch psychisch spüre (Müdigkeit, weniger Geduld etc.) und eine gewisse Frustration, des Öfteren an der Oberfläche des beobachtenden Touristen zu bleiben. Gern hätte ich z.B. mal eine Begegnung mit amerikanischen Homeschoolern gehabt oder eine Wandertour mit Übernachtung in den Rockies gemacht. Übrigens war die Ankunft dort für mich der gefühlte Beginn unserer Reise. Dafür hat es sich echt gelohnt, und es ist beeindruckend zu sehen, wie das "zivilisierteste" Land unserer Erde noch so viel wundervolle, unberührte Natur bewahrt hat. Und wie unglaublich! Wie vielfältig! Wie leer! (Stellenweise, im Gegensatz zu anderen, bekannten und "gut besuchten" Orten, wo die Shuttlebusse aller 10 Minuten von den Groszraumparkplätzen zu den Trails fahren, und wo man sich beim Wandern wie auf der Loveparade (der Hiker) vorkommt.
Inzwischen haben wir uns aber einigermaszen ins Reisen eingefuchst. Wird ja auch Zeit, denn in 4 Tagen sind die USA schon wieder abgehakt. Am 25. geht es nämlich nach Cancun, Mexico, da, "wo die Reichen hinfliegen", wie mir heute ein Mexikaner an der Tankstelle verriet. Dann wird Ankie die komplette Verantwortung tragen, dann mit meinem Duolingo-Spanisch werde ich ihr die erste Zeit wohl nur wenig helfen können.
Wenn ich denn überhaupt dabei sein kann, denn erstmal muss ich morgen noch einen Übergangsreisepass beim deutschen Konsulat beantragen. Mein richtiger ist "uns" nämlich irgendwie abhanden gekommen, zusammen mit meinem Führerschein. ;-/ (Mutti wird das bestimmt nicht so lustig finden, hatte sie doch bei der Portmonnaie-Geschichte noch gemahnt, wir sollen ab jetzt besser aufpassen.) Wer von uns beiden aber nun genau dafür verantwortlich war, wissen wir nicht, denn eigentlich wollte Ankie die Verantwortung für die Pässe übernehmen, der Führerschein war aber in meinem (gerade erst wiedergefundenen) Portemonnaie. Bei der Autovermietung waren wir dann beide am Schalter, jeweils nacheinander, mit den Papieren… Wenigstens haben wir uns aber (diesmal) nicht darüber gestritten, und das ist doch mal was Gutes, oder?
Ansonsten seht Ihr ja auf den Fotos, dass es uns tatsächlich gut geht. Ehrlich gesagt, ist der Stress für mich an manchen Tagen eine echte Herausforderung, und bis jetzt ordne ich diese erste Reiseetappe eher als Lektion des Lebens ein, um sie für mich als "gewinnbringend" zu empfinden. Ich empfand sie nämlich weder erholsam, noch sehr bereichernd, da die Erfahrungen, die Begegnungen und die Aktivitäten für mich oft zu schnell und zu oberflächlich waren. (Kurze kulturelle Klammer: Meine emotionale Zuneigung zum "gemeinen US-Amerikaner" hat sich eher gefestigt. Sehr freundlich, hilfsbereit, einfache Kontaktaufnahme. Der Texaner auf dem Bild z.B. hat uns einfach mal so unser Essen bezahlt, obwohl er uns gerade 10 Minuten gesehen hat. Und erst danach haben wir ein bisschen intensiver mit ihm geplauscht. Andererseits haben wir auch ein paar krasse Verkehrsnazis erlebt, die sich mit furchterregener Gestik und Mimik über Ankies Fahrstil (und Robins Gymnastik auf der Rücksitzbank und am offenen Fenster) beschwerten. Alabama ist halt nicht Paris ;-) )
Das soll erstmal genug Text für die ersten vier Wochen gewesen sein. Danke für’s Lesen! Und liebste Grüsze nach Hause!!! :-*
P.S. : Abgesehen von der Tatsache, dass wir für’s Schlafen (aber auch für’s Essen) immer wieder ein "ruhiges Plätzchen" finden müssen, gibt es noch ein anderes Detail, das mir bewusst gemacht hat, dass sich unsere Situation wirklich der von Obdachlosen annähert: Unseren Abwasch machen wir nach dem Picknick immer in öffentlichen Toiletten (von denen es hier praktischer Weise reichlich gibt). In einem ärmeren Viertel von Las Vegas, wo auch ein Obdachloser direkt neben dem Spielplatz sein Lager errichtet hatte, habe ich den Abwasch neben einem Mann gemacht, der dort seine Wäsche gewaschen hat… Meistens ist es aber anders herum: Es sind eher "wohlhabendere" Leute, die sich neben uns die Hände waschen und etwas seltsam unseren Abwasch beäugen.

Des phoques à San Francisco...




San Francisco by night
















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